Der Klassiker mit dem rätselhaften Raketenknopf

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| Lesedauer: 5 Minuten Von Laura Ewert

Unwirkliches Nostalgie-Produkt: Der Lancia Delta Futurista soll über 300.000 Euro kosten Unwirkliches Nostalgie-Produkt: Der Lancia Delta Futurista soll über 300.000 Euro kosten Unwirkliches Nostalgie-Produkt: Der Lancia Delta Futurista soll über 300.000 Euro kosten

Quelle: Studio Degler

Ein neue Generation Tuner verwandelt Traumautos von gestern in Kunstobjekte auf Rädern und inszeniert sich für die Generation Instagram. Zum Beispiel Automobili Amos mit dem Lancia Delta Futurista. 0

Er ist der Star der Ausstellung. Grand Basel heißt die neue Schau im eindrucksvollen Messegebäude von Herzog & de Meuron, und sie widmet sich herausragenden Objekten der Automobilgeschichte. 113 Raritäten und Kostbarkeiten werden auf der Messe gezeigt, doch die größte Menschentraube hat sich um den Lancia Delta Futurista gebildet, eine selbstbewusste Neuinterpretation des italienischen Klassikers mit dunkelgrünem Lack, anthrazitfarbenen Carbonelementen und braunem Interieur.

Der Schöpfer dieses Fahrzeugs, das wie eine Skulptur auf Alufelgen im Scheinwerferlicht steht, heißt Eugenio Amos. Er ist 32 Jahre alt, fährt Rennen und sammelt Autos. Seine Version des Lancia Delta Integrale ist der erste Wagen, der seine Garage im italienischen Varese in einem völlig neuen Gewand verlassen hat – ausgebessert, aufgearbeitet, neu ausgestattet und rundum veredelt.

All das ist mit einem gewissen Augenzwinkern geschehen: Neben den Schaltern für Fensterheber, Beleuchtung und Warnblinker prangt nun ein roter Knopf, auf dem eine Rakete abgebildet ist. Wozu genau dieser Knopf gut, bleibt bislang allerdings das Geheimnis der Konstrukteure. „Neue Autos langweilen mich mehr und mehr“, sagt Amos. „Aus ihrem Design spricht keine Liebe, sondern nur der Wunsch nach Profit. Deshalb habe ich das Auto, nach dem ich suchte, einfach selbst erschaffen.“

Automobili Amos heißt seine Firma und hat einen Instagram-Account mit über 70.000 Abonnenten. Gar nicht so viele, findet Eugenio Amos, doch es freue ihn, dass sein Projekt Zuspruch erhalte. Neben Lapo Elkann, Rob Singer und George Bamford gehört er zu einer neuen Generation von Luxustunern, die automobile Klassiker in fahrbare Kunstobjekte verwandeln. Anders als bei herkömmlichen Tunern ist der ästhetische Anspruch dabei oft wichtiger als die Steigerung der Leistungsfähigkeit eines Fahrzeugs.

Schon der Vater fuhr Delta

Eugenio Amos war sieben Jahre alt, als der Lancia Delta Integrale gebaut wurde, den er nun veredelt hat. Sein Vater besaß ein knallgelbes Exemplar der Sonderserie Giallo Ginestra. „Es ist das erste Auto, in das ich mich verliebt habe“, sagt der Sohn. Sein eigenes Sondermodell ist auf 21 Stück limitiert, eins davon will er für sich behalten, die übrigen 20 will er verkaufen.

Über 300.000 Euro soll es kosten, dieses unwirklich aussehende Nostalgie-Produkt in Grün. Aber warum eigentlich Grün? Es sei die sportlichste und die eleganteste Farbe, sagt Amos. „Du kannst damit zu einer Hochzeit oder zu einem Rennen fahren.“ Den Farbton hat er patentieren lassen, er hat ihm den Namen des Waldes gegeben, in dem er gelernt hat, schnell zu fahren.

Raketenmodus: Wozu der rote Knopf im Lancia Delta Futurista wirklich dient, ist ein PR-wirksames Geheimnis Raketenmodus: Wozu der rote Knopf im Lancia Delta Futurista wirklich dient, ist ein PR-wirksames Geheimnis

Quelle: Studio Degler

Eine sehr persönliche Note haben auch die Autos anderer Luxustuner: Singer Vehicle Design zum Beispiel hat sich auf die Aufarbeitung klassischer Porsche 911 spezialisiert. Inhaber Rob Dickinson hat Autodesign studiert und unter anderem für den Sportwagenhersteller Lotus gearbeitet.

Sein erstes Projekt war ein 964er-Modell, das er für den Eigengebrauch von Grund auf neu herrichtete – neuer Motor, leichtere Teile, gewebte Sitzbezüge. Der Wagen erregte so viel Aufsehen, dass aus dem Freizeitspaß ein Geschäft wurde. Den nostalgischen Rennwagen-Chic beibehalten und mit State-of-the-Art-Elementen optimieren, so könnte man Dickinsons Methode beschreiben. Amos hat ähnliche Ambitionen: „Die alten Modelle sterben bald aus, wir schenken ihnen ein zweites Leben.“

Und was finden die Kunden daran? „Es gefällt mir nicht, dass seltene Porsche, Ferrari und McLaren auf dem modernen Automarkt nur gekauft werden, um sie wieder zu verkaufen und damit Geld zu machen“, sagt Edward Lovett, Besitzer eines Singer-Porsche. Er will seinen Wagen behalten und fährt ihn jeden Tag.

Das Auto zum Anzug

Auch Lapo Elkann fährt jeden Tag, unter anderem einen Ferrari 458 in grünen Tarnfarben. Nach seinem Ausscheiden als Marketingvorstand bei Fiat und einem Ausflug ins Sonnenbrillengeschäft eröffnete der Enkel des Fiat-Gründers Gianni Agnelli im vergangenen Jahr seine Garage Italia.

Dafür hat er eine prachtvolle alte Tankstelle in Mailand, die in den 1950ern vom Architekten Michele De Lucchi entworfen wurde, in eine luxuriöse Erlebniswelt verwandelt. Das Essen wird von Sterneköchen zubereitet, es gibt eine Installation aus über tausend Modellautos und einen Ferrari-Simulator. Auf 1700 Quadratmetern können Privatleute und Firmenkunden ihre Fahrzeuge personalisieren lassen und dabei aus unzähligen Stoffen, Farben, Folien, Ledern und Lacken auswählen.

Muss man wollen: So kleidete Lapo Elkanns Garage Italia den Innenraum eines BMW i8 aus Muss man wollen: So kleidete Lapo Elkanns Garage Italia den Innenraum eines BMW i8 aus

Quelle: BMW Group

Selbst mit der Haut von Stachelrochen kann man sich die Sitze beziehen lassen. „Immer mehr Menschen wollen ihren eignen Stil auch in ihren Alltagsgegenständen wiederfinden“, sagte Elkann bei der Eröffnung. „Jeder will heute einzigartig sein.“ Seither hat er Sportwagen, Boote und Flugzeuge ausgestattet. Zu jedem Anzug ein passendes Auto, warum nicht? Ein Kunde hat sich eine Art mobilen Weinkeller in den Kofferraum einbauen lassen.

Elkanns jüngster Entwurf, ein himmelblauer Fiat 500 Spiaggina, steht auf der Grand Basel nicht weit vom Lancia Delta Futurista entfernt. Der offene Zweisitzer sieht aus wie ein Spielzeugauto und hat eine Heckklappe, die man in eine Liegefläche zum Sonnenbaden verwandeln kann. Wie eine Smartphone-Hülle oder ein lustig bedrucktes T-Shirt sollen solche Fahrzeuge offenbar die Persönlichkeit ihres Besitzers widerspiegeln, nur eben in ganz anderen finanziellen Dimensionen.

Auf dem Papier noch ein Lancia

Ist das die Zukunft der Luxusautomobilindustrie: Personalisierung statt Marke, Individualisierung statt PS? „Sicher, die Leute wollen sich von der Masse abheben“, sagt Eugenio Amos am Messestand in Basel. Und warum stehen die Besucher der Grand Basel Schlange, um den Lancia Delta Futurista zu sehen? „Vielleicht sind wir erfolgreich, weil wir es nicht darauf angelegen.“

Nach einem Zufallsprodukt sieht der Wagen allerdings nicht aus. Vier Monate hat es gedauert, ihn so herzurichten. Zwar wurde das ursprüngliche Chassis beibehalten, doch sonst ist fast alles neu – von den Sitzen über die Stoßstangen bis hin zu den Scheinwerfern. Angeblich wurden über 1000 neue Komponenten verbaut, auch die Leistung des Motors wurde auf 300 PS erhöht. Sogar einen neuen Überrollkäfig hat Automobili Amos integriert.

Multifunktional: Lapo Elkanns Interpretation des Fiat 500 Multifunktional: Lapo Elkanns Interpretation des Fiat 500

Quelle: Fiat / Garage Italia Milano

Wie es sich für ein italienisches Auto gehört, kommen die meisten Zulieferer aus Italien. Und auf dem Papier ist es immer noch ein Lancia Delta. „Das Ziel war es, respektvoll mit der Vergangenheit umzugehen und auf die Details zu achten,“ sagt Eugenio Amos.

Ein paar Aufkleber auf dem Auto, getönte Scheiben – das reicht heute offenbar nicht mehr.

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