Der Einkaufswagen bewahrt die Macht von Edeka, Aldi, Lidl und Rewe

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| Lesedauer: 4 Minuten Michael Gassmann Von Michael Gassmann Korrespondent Handel und Konsumgüter

Auch Supermärkte wollen sich an der Verkehrswende beteiligen

Mehrere Einzelhändler drängen auf staatliche Förderungsprogramme für Ladesäulen auf Supermarkt-Parkplätzen. So soll die Infrastruktur zum Laden von E-Autos verbessert werden. Vorher gibt es jedoch noch einigen Klärungsbedarf mit der Politik.

Quelle: WELT / Nicole Fuchs-Wiecha

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In Deutschland werden nur ein bis zwei Prozent der Lebensmittel über das Internet verkauft. Vor allem die Macht der großen Supermarktketten ist ungebrochen. Denn der Kunde rettet ihnen das Geschäftsmodell. 0  Kommentare Anzeige

Knapper kann man nicht auf den Punkt bringen, warum Supermärkte und Discounter sich den Online-Rivalen bisher einfach nicht geschlagen geben müssen: Das Geheimnis liegt schlicht in der Selbstbedienung. Dank ihr, schreiben die Kölner Handelsforscher der EHI-Instituts, übernehme der Kunde viele Aufgaben selbst, die die Digitalkonkurrenz teuer zu stehen kommen: Kommissionierung, Verpackung und Transport.

Auch wenn es den wenigsten Kunden bewusst sein dürfte: Die Kommissionierung – also die Zusammenstellung der Warenlieferung – erledigen sie ganz selbstverständlich per Einkaufswagen. Die Transportverpackung ist in der Regel der eigene Einkaufsbeutel, und für den Abtransport per Auto, Bus oder Rad sorgt ebenfalls jeder auf seine eigene Kappe. Und natürlich auf eigene Kosten.

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„Es ist sehr schwierig, den Konsumenten zu erklären, dass diese Funktionen von den geringen Margen der Händler nicht zu stemmen sind. Dieses Problem stellt die Wirtschaftlichkeit des Online-Lebensmittelhandels infrage“, schreibt EHI-Experte Peter Cyganek in einer Marktstudie über die 1000 größten Vertriebslinien in Deutschland. Denn die Onliner müssten diese Kosten in ihre Preise einkalkulieren oder eine Liefergebühr verlangen. Beides ist bei den Konsumenten denkbar unbeliebt.

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Die betriebswirtschaftliche Magie dieser einfachen Rechnung hat massive Folgen. Unter den zehn größten Vertriebslinien aller Handelssparten – von Mode bis Möbelhäuser – befinden sich allein neun Lebensmittelhändler. Unter einer „Vertriebslinie“ verstehen die Experten dabei im Wesentlichen Geschäfte eines Namens, so wie sie dem Verbraucher bekannt sind, also beispielsweise Edeka, Rewe, Lidl oder Aldi. Die Drogeriekette dm ist die einzige unter den Top Ten, die nicht mit Lebensmitteln handelt. Und dm liegt auf Platz zehn.

Hoher Online-Handel im Bekleidungshandel

Immer noch werden nur ein bis zwei Prozent der Lebensmittel in Deutschland über das Internet verkauft. Branchenbeobachter halten aber trotz der wirtschaftlichen Vorteile der Läden vor Ort einen Durchbruch auf dieser niedrigen Basis für möglich. Zum einen zeigen sich immer mehr Konsumenten offen für diesen Vertriebsweg, der die meisten beim Einkaufen von Mode, Büchern oder Elektronik längst vertraut ist. Jeder Dritte hat nach Umfragen den digitalen Lebensmitteleinkauf schon einmal ausprobiert. Zum anderen schärfen die Online-Anbieter ihre Geschäftsmodelle, um die Kosten zu senken.

Dennoch: Gegen die wirtschaftliche Potenz der Lebensmittel-Riesen ist schwer anzukommen, nicht nur für die neuen digitalen Wettbewerber, sondern auch für die schrumpfende Schar der traditionellen Kaufleute. So ist die Zahl der Lebensmittelgeschäfte in Deutschland laut Studie in den letzten acht Jahren insgesamt um 1740 auf gut 37.500 gesunken.

Quelle: Infografik WELT

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Ein Blick auf die Verteilung des Umsatzes macht deutlich, wie weit die Konzentration in dieser mit Abstand wichtigsten Sparte des deutschen Einzelhandels bereits fortgeschritten ist. Die 1000 größten stationären Vertriebslinien schaffen es laut Studie, fast 60 Prozent des gesamten Handelsumsatzes von knapp 527 Milliarden Euro (2018) in ihre Kassen zu lenken. Den Rest müssen sich übrigens rund 330.000 weitere Handelsunternehmen teilen.

Vom Umsatzbrocken der 1000 führenden Händler schöpfen die großen zehn, also fast durchweg Lebensmittelläden, zusammen fast die Hälfte ab: 137 Milliarden Euro oder 44 Prozent. Dabei untertreibt die EHI-Statistik noch, bezieht man sie nicht auf Ladenketten, sondern auf Unternehmen. So wird der zu Edeka gehörende Discounter Netto als eigene Linie getrennt ausgewiesen, ebenso die Rewe-Tochter Penny. Die zur Schwarz-Gruppe gehörenden Linien Lidl und Kaufland zählen jeweils einzeln zu den Top Ten, ebenso die Schwesterfirmen Aldi Nord und Aldi Süd.

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Anders als beim Essen und Trinken liegen die Online-Anteile in anderen Handelsbranchen deutlich höher, beispielsweise im Bekleidungshandel. Alles in allem, so das Fazit der Handelsforscher, seien die düstersten Voraussagen für die herkömmlichen Händler nicht wahr geworden.

„Trotz des wachsenden Online-Handels behauptet sich der stationäre Handel besser als man dies vor einigen Jahren prognostizierte.“ Die lange vorhergesagte nahtlose Verzahnung zwischen beiden Welten komme absehbar in Gang. Sie biete, erwartet das EHI, den „stationären Händlern eine große Chance, mit ihren bekannten Marken erfolgreich zu sein“.

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