Der Schüttelreflex hat den Polaroid-Boom überlebt

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| Lesedauer: 5 Minuten Carsten Dierig Von Carsten Dierig Wirtschaftskorrespondent

15.09.2018, Berlin: Eine junge Touristin aus Belgien fotografiert auf der Straße Unter den Linden in der Innenstadt mit einer Sofortbildkamera vom Typ Fuji Instax Mini 9. ACHTUNG: Dieses Bild ist Teil einer größeren Serie von Fotos zum Thema Tourismus in Berlin. Foto: Wolfram Steinberg/dpa | Verwendung weltweit 15.09.2018, Berlin: Eine junge Touristin aus Belgien fotografiert auf der Straße Unter den Linden in der Innenstadt mit einer Sofortbildkamera vom Typ Fuji Instax Mini 9. ACHTUNG: Dieses Bild ist Teil einer größeren Serie von Fotos zum Thema Tourismus in Berlin. Foto: Wolfram Steinberg/dpa | Verwendung weltweit Sofortbildkameras verzeichnen das stärkste Wachstum in der Fotobranche Quelle: picture alliance / Wolfram Stein

Trotz Digitalisierung sind Sofortbildkameras einer der wichtigsten Wachstumstreiber für die Fotoindustrie. Branchenführer Fujifilm betreibt großen Aufwand, um den Markt interessant zu halten. Zum Beispiel mit einem Drucker, der auf Gesten reagiert. 0  Kommentare Anzeige

Der Reflex ist überall gleich. Wer auch immer ein Foto aus einer Sofortbildkamera nimmt, fängt wie automatisch an zu schütteln. Energisch wird dann der Abzug durch die Luft gewedelt, nach einigen Schlägen kurz überprüft, wie weit der Entwicklungsprozess vorangeschritten ist, und je nach Ergebnis noch ein zweites oder sogar drittes Mal losgewirbelt.

Dabei sei das heute gar nicht mehr nötig, sagt Stephan Althoff. „Das ist ein Relikt von früher“, erklärt der Produktmanager Imaging Products von Fujifilm in Deutschland. „Als es noch sogenannte Trennbildfilme gab, wurden durch das Schütteln die Chemikalien vermischt.“

Doch das sei viele Jahre her und die Technik heute um Längen weiter. „Schon die Umgebungstemperatur reicht aus, damit sich die Bilder von selbst entwickeln.“ Trotzdem greift Althoff nicht ein, wenn in seiner Umgebung geschüttelt wird. Immerhin sei das für viele ein Teil des Erlebnisses Sofortbild. Und davon lebt Fujifilm.

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Zunehmend gut sogar. Denn die eigentlich weitgehend abgeschriebene Analogfotografie ist seit einigen Jahren eine der größten Erfolgsgeschichten der Branche – und Fujifilm mit seiner Marke Instax mit Abstand die Nummer eins in diesem einst von Polaroid begründeten Markt.

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460.000 Kameras wurden im vergangenen Jahr in Deutschland verkauft, meldet der Photoindustrie-Verband (PIV) mit Verweis auf Marktforschungszahlen der GfK. Zum Vergleich: 2016 waren es gerade halb so viele, 2014 lag die Absatzmenge sogar nur bei gut einem Fünftel. Und das rasante Wachstum hält an. Im ersten Quartal dieses Jahres jedenfalls wurden mit 78.000 Kameras gut 40 Prozent mehr Geräte abgesetzt als zwischen Januar und März 2018. „Es geht stetig aufwärts“, heißt es beim PIV. Und es sei nicht zu erkennen, dass sich an dem Trend in absehbarer Zeit etwas ändert.

Getragen wird der Boom bei Sofortbildkameras vorrangig von der jungen Generation, die den Umgang mit Bildern auf Smartphones oder dem Computer gewohnt ist und dort nahezu täglich mit Fotos hantiert, die dann bei Facebook oder Instagram landen. „Jugendliche sind total begeistert davon, dass ein anfassbares Bild aus einer Kamera herauskommt und sich anschließend auch noch vor ihren Augen selbst entwickelt“, sagte bereits vor einiger Zeit der damalige PIV-Vorsitzende Rainer Führes. Allen voran Mädchen. Fujifilm zufolge liegt die Frauenquote bei Käufern und Nutzern seiner Instax-Serie bei stattlichen 80 Prozent.

Quelle: Infografik WELT

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Um künftig auch mehr Männer anzusprechen, setzen die Japaner nun auf noch mehr Technik. Auf der Geräteseite hat Fujifilm bereits ein Hybridmodell auf den Markt gebracht, das Digital- und Sofortbildkamera in einem ist. Nun folgt beim Zubehör ein mobiler Drucker mit Gestensteuerung. Instax Mini Link Printer heißt das Modell, mit dem Fotos vom Smartphone auf Sofortbildmaterial ausgedruckt werden können. „Etwas für Gadget-Lover“, wie es Althoff nennt: Durch Drehen und Neigen des Geräts sei es möglich, Fotos zu drucken oder zum gewünschten Bildausschnitt zu zoomen.

Ansonsten wird der mobile Drucker in Walkman-Größe über eine App bedient, die zusätzliche Bildbearbeitungsfunktionen enthält. Fujifilm erweitert damit sein bereits 180 Teile großes Zubehörsortiment im Geschäftsfeld Instax. Denn das lohnt sich. Das Segment Sofortbild steht hierzulande schon für gut 60 Prozent des Umsatzes im Konzernbereich Photo-Imaging. Zu ihm gehören neben Instax-Geräten und -Zubehör unter anderem auch Fotobücher, Poster und Kalender, aber auch klassische Analogfilme und Papier sowie die Labore, die Bilder entwickeln, die Verbraucher zum Beispiel im Fotoladen oder an Terminals im Drogeriemarkt bestellen.

FUJIFILM instax mini Link Printer Bildmaterial Mit dem neuen Druckner richtet sich Fujifilm an die technikaffine junge Generation Quelle: FUJIFILM

Bei den reinen Kamera-Umsätzen wiederum nähern sich die aktuell acht Instax-Modelle Althoff zufolge der 50-Prozent-Marke an. Damit macht Fujifilm in Deutschland fast genauso viel Umsatz mit dem meist einfachen Knipsen wie mit Digital- und Spiegelreflexkameras. Ein Sonderfall: Althoff zufolge liegt der Marktanteil in diesem mit viel Aufwand entwickelten Geschäft bei stattlichen 90 Prozent.

Und das, obwohl der Name Polaroid vielen Verbrauchern wesentlich bekannter sein dürfte: Für die älteren dürfte der Begriff sogar synonym für diese Art von Fotografie stehen, ähnlich wie Tempo bei Papiertaschentüchern oder Tesa bei Kleberollen. „Damit gehen wir ganz entspannt um“, sagt Althoff im WELT-Gespräch. Immerhin habe Polaroid einige Jahrzehnte Vorsprung.

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ILLUSTRATION - Zum Themendienst-Bericht von Benedikt Frank vom 19. September 2019: Unverwechselbar: Eine klassische Sofortbildkamara von Polaroid. Foto: Christin Klose/dpa-tmn - Honorarfrei nur für Bezieher des dpa-Themendienstes +++ dpa-Themendienst +++ | Verwendung weltweit Eine klassische Sofortbildkamera von Polaroid Quelle: picture alliance/dpa

Tatsächlich geht die Geschichte des Sofortbildpioniers zurück bis ins Jahr 1933. Damals sicherte sich der amerikanische Wissenschaftler und Erfinder Edwin Land ein Patent für sogenannte Polarisationsfolien. 1947 stellte er dann die erste Kamera vor, der man unmittelbar nach der Aufnahme ein fertiges Bild entnehmen konnte.

Etliche weitere sollten folgen. Den Übergang ins Digitalzeitalter hat Polaroid allerdings nicht geschafft. Zwei Insolvenzen mit Zerschlagungen und dem Verkauf von Firmenteilen markierten in den 2000er-Jahren einen tiefen Einschnitt. Mittlerweile ist Polaroid aber zurück am Markt, allen voran mit dem Modell Snap. Dazu haben auch andere Hersteller den Einstieg in das boomende Segment gewagt, darunter Kodak, Lomography und sogar die Nobelmarke Leica.

Alle haben noch reichlich Potenzial, glauben die Experten vom PIV. „Das Wachstum wird auch in den kommenden Jahren anhalten“, heißt es beim Branchenverband aus Frankfurt.

Dass die Stiftung Warentest beim jüngsten Produktcheck kein einziges Modell mit „gut“ bewertete, versetzt die Branche nicht in Unruhe. „Die Qualität brauchen wir nicht schönzureden“, erklärt der PIV. Aber darum gehe es bei Sofortbildkameras auch nicht. Da zählten die Emotionen.

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