„Wurst ist kein gefährliches Produkt“

11

| Lesedauer: 4 Minuten Carsten Dierig Von Carsten Dierig Wirtschaftskorrespondent

Nicht immer zufrieden mit Behörden und Politik: Clemens Tönnies, hier auf einer Demonstration am Rande einer Agrarministerkonferenz Nicht immer zufrieden mit Behörden und Politik: Clemens Tönnies, hier auf einer Demonstration am Rande einer Agrarministerkonferenz Nicht immer zufrieden mit Behörden und Politik: Clemens Tönnies, hier auf einer Demonstration am Rande einer Agrarministerkonferenz Quelle: picture alliance/dpa

Nach dem Tod zweier Konsumenten, die Listerien-verseuchte Wurst gegessen hatten, drängt der Chef des Fleischkonzerns Tönnies darauf, den Landkreisen die Hoheit über Qualitätskontrollen zu entziehen. Er selbst kämpft derweil mit familiären Problemen. 0  Kommentare Anzeige

Deutschlands größter Fleischkonzern Tönnies fordert nach dem Skandal um Listerien-verseuchte Wurst eine Neuaufstellung der Lebensmittelüberwachung. „Wir brauchen einheitliche Standards und mehr Objektivität“, sagt Clemens Tönnies, der geschäftsführende Gesellschafter des Milliardenkonzerns aus Ostwestfalen, im WELT-Gespräch.

Derzeit gebe es in nahezu jedem Landkreis andere Vorgaben und Regelauslegungen bei der Lebensmittelüberwachung. „Das kann auf Dauer nicht funktionieren.“ Es müsse stattdessen eine zentrale Instanz geben, fordert der Unternehmenschef.

Wer das konkret sein soll, also beispielsweise ein Bundes- oder Landesamt, ließ Tönnies offen: „Da kann und will ich keine Lösung vorgeben. Das ist allein Sache der Behörden.“

Anzeige

Kürzlich sind zwei Verbraucher gestorben nachdem sie Produkte der mittlerweile insolventen Firma Wilke Fleisch- und Wurstwaren gegessen hatten, die mit Listerien kontaminiert waren. Der Mittelständler aus Hessen machte den Großteil seines Umsatzes mit dem Großhandel sowie mit Weiterverarbeitern und Kantinen.

Wilke beantragt Insolvenz nach Keimfunden in Wurstwaren

Seit Monaten gab es angeblich immer wieder Probleme mit Listerien in Lebensmitteln des Wurstherstellers Wilke. Nach zwei Todesfällen wurde das Unternehmen nun geschlossen – und reichte einen vorläufigen Insolvenzantrag ein.

Quelle: WELT / Peter Haentjes

Zwar hat es einen Rückruf gegeben, allerdings nur für die eigenen Produkte. Damit ist weiterhin unklar, ob noch Fertiggerichte wie Pizza oder Lasagne mit betroffenen Chargen im Handel verkauft werden.

Dass der Skandal nun die gesamte Branche in Verruf bringt, glaubt Unternehmer Tönnies nicht: „Das ist ein Einzelfall.“ Trotzdem spart der Manager nicht mit Beschwichtigungen. „Wurst ist kein gefährliches Produkt“, versichert der 63-Jährige am Rande der weltgrößten Lebensmittelmesse Anuga in Köln.

Anzeige

In seinem eigenen Unternehmen, zu dem unter anderem die Marken Gutfried, Böklunder, Könecke, Schulte und Tillmann’s gehören, werde „unglaublich viel Aufwand betrieben“, um die Lebensmittelsicherheit zu gewährleisten. Pro Jahr gebe es mittlerweile mehr als 800.000 mikrobiologische Untersuchungen auf Listerien und Salmonellen. „Denn die Herstellung von Wurst ist deutlich komplizierter geworden“, sagt der Unternehmer.

Fleischlose Wurst ist nichts für Clemens Tönnies

So wolle der Verbraucher möglichst wenige Inhaltsstoffe bei gleichzeitig möglichst langer Haltbarkeit. Machbar sei das. „Dieser Aufwand ist aber auch sehr teuer. Das muss sich ein Unternehmen auch leisten können.“ Notfalls müssten sogar verschiedene Werke für verschiede Wurstarten aufgebaut werden. „Bei uns ist die Produktion von Rohwurst und Kochwurst strikt voneinander getrennt“, erklärt Tönnies.

Dazu gibt es auch Kapazitäten für die Herstellung von Veggie-Wurst. Zwar trifft die fleischlose Variante nicht den Geschmack des Konzerninhabers. „Trotzdem ist das ein Markt, den wir nicht liegen lassen dürfen und werden.“

Er glaube fest an die Kernprodukt Fleisch und Wurst. Die Zahl der Käufer vegetarischer Alternativen mit zumindest Fleisch- und Wurst-Anmutung werde aber stetig größer. „Das können wir nicht ignorieren.“

Anzeige

Tönnies bietet daher unter anderem Veggie-Wurst, aber auch Burger-Patties und Hackfleisch aus rein pflanzlichen Zutaten an, teils unter der Marke Tillmann’s, teils unter Veganz in Reformhäusern und Bioläden.

Abseits dieses unter anderem von Beyond Meat und Rügenwalder befeuerten Segments, ist das Geschäft mit Fleisch und Wurst deutlich anstrengender. Tierbestände und Schlachtungen sind laut der amtlichen Statistik zuletzt gesunken. Tönnies schielt daher zunehmend auf neue Märkte jenseits der Grenze.

Lesen Sie auch „Natürlich beobachten wir dieses Feld sehr genau“, sagt Clemens Tönnies über Fleischalternativen Fleischgigant Tönnies „Wenn der Markt soweit ist, werden wir bei Kunstfleisch einsteigen“

„Der deutsche Markt ist mittlerweile begrenzt. Im Ausland dagegen gibt es noch großes Wachstumspotenzial durch den steigenden Wohlstand in vielen Ländern und Regionen. Das wollen wir nutzen, und dafür stellen wir uns breiter auf“, kündigt Clemens Tönnies an.

Nächstes Ziel der Internationalisierung ist China. In der Volksrepublik plant der mit zuletzt 16.000 Mitarbeitern und 6,65 Milliarden Euro Umsatz größte deutsche Fleischkonzern einen Produktionsstandort in der südwestlichen Provinz Sichuan. Gemeinsam mit der chinesischen Dekon Group sollen 500 Millionen Euro in ein integriertes System mit Mastanlagen sowie Schlacht- und Zerlegebetrieb investiert werden.

Wobei Tönnies offen lässt, wie die Anteile im geplanten Joint-Venture verteilt sind: „Wir sind der Junior-Partner, auch was die Investitionen betrifft. Wobei unser Anteil aber immer noch beachtlich sein wird.“ Ausgelegt ist der Standort zunächst für rund zwei Millionen Schweine, mittelfristig soll die Kapazität auf rund sechs Millionen Tiere ansteigen.

Die Absichtserklärung für das Gemeinschaftsprojekt, das Tönnies als „Meilenstein“ bezeichnet, weil sich sein Unternehmen damit eine Basis im weltweit wichtigsten Fleisch-Markt schaffe, ist bereits unterschrieben. Und der Manager geht fest davon aus, dass die Umsetzung wie geplant im kommenden Jahr beginnen kann.

Ärger im Wurstreich. Clemens Tönnies (m.) und Robert Tönnies (r.) sind sich nicht einig über die Strategie des Unternehmens. Links im Bild Maximilian Tönnies Ärger im Wurstreich. Clemens Tönnies (m.) und Robert Tönnies (r.) sind sich nicht einig über die Strategie des Unternehmens. Links im Bild Maximilian Tönnies Quelle: picture alliance / Bernd Thissen

Anzeige

Doch dabei gibt es Widerstand. Mitgesellschafter Robert Tönnies nämlich, Sohn des verstorbenen Firmengründers Bernd Tönnies, fühlt sich übergangen und wirft seinem Onkel nun Täuschung und Größenwahn vor. Der eigentlich beigelegte Familienstreit eskaliert damit aufs Neue.

Clemens Tönnies will die Angriffe nicht kommentieren. „Ich werde dieses Thema nicht weiter antreiben.“ Und was den Streit um die China-Expansion angehe: „Die nächste Beiratssitzung wird für Klarheit sorgen.“

Robert Tönnies hatte angekündigt, das Thema auf der nächsten Sitzung des siebenköpfigen Gremiums Anfang November auf die Tagesordnung bringen zu wollen. Versammelt sind dort neben Vertretern beider Familienstämme auch drei neutrale Berater wie zum Beispiel der frühere Siemens-Vorstand Siegfried Russwurm oder als Vorsitzender der ostwestfälische Unternehmer und ehemalige VDMA-Präsident Reinhold Festge.

Clemens Tönnies freut sich nach eigenem Bekunden schon auf diese Sitzung: „Das Joint-Venture wurde in den Gremien behandelt, noch dazu steht alles in den Sitzungsprotokollen. Damit wurden alle Beteiligten umfassend informiert. Ich sehe daher nicht, dass die geplante Zusammenarbeit mit Dekon noch scheitern wird.“

SHARE