Der deutsche Ingenieur verliert den Zauber des sozialen Aufstiegs

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| Lesedauer: 4 Minuten IMG_7583.jpg Von Christine Haas Redakteurin Wirtschaft und Finanzen

Das größte Problem ist der Fachkräftemangel

Eine Umfrage des Institut der Deutschen Wirtschaft zeigt, Unternehmen sehen im Fachkräftemangel das größte Problem für ihre Geschäfte. Und das noch vor Handelskriegen und Protektionismus.

Quelle: WELT / Sebastian Struwe

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Unter Ingenieuren herrscht Vollbeschäftigung. Die Einstiegsgehälter sind hoch, aber je nach Branche und Funktion sehr unterschiedlich. Doch der Druck aus dem Ausland wächst – denn den Deutschen fehlen wichtige Schlüsselkompetenzen. 0  Kommentare Anzeige

Wer ein Ingenieurstudium absolviert hat, muss sich um die berufliche Zukunft keine allzu großen Sorgen machen. Die Arbeitslosigkeit innerhalb dieser Berufsgruppe fällt so gering aus, dass man laut der Bundesagentur für Arbeit von Vollbeschäftigung sprechen kann. Eine neue Auswertung des Vergleichsportals Gehalt.de, das wie WELT AM SONNTAG zum Medienkonzern Axel Springer gehört, zeigt nun, mit welchen Gehältern die begehrten Arbeitskräfte schon beim Start in den Beruf rechnen können.

Analysiert wurden die nicht repräsentativen Gehaltsdaten von rund 4200 Ingenieuren mit höchstens drei Jahren Berufserfahrung. Zentraler Wert ist das jährliche Mediangehalt. Darunter versteht man das mittlere Gehalt, das heißt: Die eine Hälfte der betrachteten Erwerbstätigen verdient mehr, die andere Hälfte weniger. Für die Gesamtgruppe liegt dieser Wert bei 47.786 Euro brutto. Bei der weiteren Untergliederung zeigen sich aber große Unterschiede.

In den betrachteten Unternehmen mit mehr als 1001 Mitarbeitern liegt das Medianeinkommen bei 53.779 Euro. Bei mittelgroßen und kleinen Firmen sind es einige Tausend Euro weniger (47.992 und 43.767 Euro). Eine entscheidende Rolle spielt die konkrete Tätigkeit. Am besten sieht es zum Berufseinstieg für Ingenieure im Produktmanagement aus: Sie verdienen im Median 53.340 Euro.

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Dahinter folgen Ingenieure in der technischen Forschung und Entwicklung (52.465 Euro) und Ingenieure in der Instandhaltung (51.217 Euro). Auch die Branche hat großen Einfluss. Am lukrativsten sind Chemie und Verfahrenstechnik mit 56.613 Euro, gefolgt von Autoindustrie (52.288 Euro) und Luftfahrt (51.856 Euro). Vergleichsweise schlecht gezahlt wird mit unter 45.000 Euro in den Bereichen Bekleidung und Textil, Einzelhandel, Immobilien und in Ingenieurbüros.

Dass sich die Gehälter der gesamten Berufsgruppe mit dem Alter deutlich steigern, zeigt eine Analyse des Vereins Deutscher Ingenieure (VDI) aus dem vergangenen Jahr. Kommen 26- bis 30-Jährige laut der nicht repräsentativen Auswertung Tausender Gehaltsdaten auf ein Mediangehalt von rund 52.000 Euro, liegen die 36- bis 40-Jährigen schon bei 69.000 Euro. Bei den über 50-Jährigen sind es sogar fast 87.000 Euro.

„Top-Beruf für soziale Aufsteiger“

Einen Überblick über die Perspektiven im gesamten Bereich Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik (MINT), in den auch die Ingenieure fallen, gibt der neue MINT-Herbstreport des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) Köln. Der durchschnittliche Bruttomonatslohn eines Vollzeiterwerbstätigen lag im Jahr 2017 demzufolge bei rund 5300 Euro. Das sind 300 Euro mehr, als der Durchschnitt aller vollzeitbeschäftigten Akademiker erhält.

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In den vergangenen Jahren seien die Löhne von MINT-Akademikern im Vergleich zu anderen Arbeitnehmergruppen deutlich stärker gestiegen. Daneben weist die Untersuchung ihnen auch hinsichtlich anderer Faktoren überdurchschnittlich gute Bedingungen aus. So lag der Anteil befristet Beschäftigter demnach bei nur 10,6 Prozent.

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Bei sonstigen Akademikern sind es 12,3 Prozent. Mit 85 Prozent arbeitet ein vergleichsweise großer Anteil der erwerbstätigen MINT-Akademiker in Vollzeit. Sie haben auch häufiger eine leitende Position inne.

Der Report verweist zudem auf die guten Chancen für den Bildungsaufstieg. Demnach sind unter MINT-Akademikern vergleichsweise viele Personen, bei denen beide Elternteile nicht über einen Hochschulabschluss verfügen. Die Ingenieure stechen hier besonders hervor: Im Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2017 waren knapp 70 Prozent aller entsprechend tätigen Personen mit Hochschulabschluss in Deutschland akademische Bildungsaufsteiger. „Damit ist der Ingenieurberuf der Top-Beruf für soziale Aufsteiger“, heißt es in dem IW-Bericht.

In Geschäftsmodellen denken

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Aufstiegschancen seien hier am wenigsten vom elterlichen Bildungshintergrund abhängig. In anderen Berufsgruppen sind die Werte deutlich niedriger. Bei Juristen etwa liegt er bei rund 44 Prozent, bei Medizinern bei 50 Prozent. Insgesamt zu beachten ist, dass Personen aller Altersgruppen einbezogen werden.

Würden nur die Jüngeren betrachtet, wären die Aufsteigerquoten deutlich geringer, so die IW-Forscher, da „im Zuge der Bildungsexpansion auch die Eltern zunehmend höher qualifiziert sind und es für die Kinder somit schwieriger wird, einen höheren Bildungsabschluss als ihre Eltern zu erreichen“.

Entsprechend kommt eine Studie von VDI, Mercator-Stiftung und dem Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, basierend auf Daten des Statistischen Bundesamts aus den Jahren 2013 bis 2015, zu dem Ergebnis, dass das Ingenieurstudium nicht mehr so stark wie früher ein klassisches Aufsteigerstudium ist. Demnach kamen aber noch immer 60 Prozent der Studenten an Fachhochschulen und 40 Prozent der Studenten an Universitäten aus einem nicht akademischen Elternhaus.

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Die Ausrichtung der Hochschulen sieht der VDI als Knackpunkt dafür, dass die deutschen Ingenieure auch in Zukunft an der internationalen Spitze mitspielen können. „Wir sind bislang vor allem gut in der Herstellung traditioneller physischer Produkte“, sagt Thomas Kiefer, beim Verein zuständig für internationale Berufspolitik. Auto-, Maschinen- und Anlagenbau seien hierzulande die klassischen Königsdisziplinen.

„Es wird aber immer wichtiger, nicht nur in Produkten, sondern auch in Geschäftsmodellen zu denken“, sagt Kiefer. Beispiel seien Fahrdienstvermittler, bei denen es neben den Fahrzeugen vor allem auf die Entwicklung von Software und Netzwerk ankomme. Weil sich das in Zukunft in allen Bereichen verstärken werde, müssten auch die Studiengänge entsprechend darauf vorbereiten.

Dieser Text ist aus der WELT AM SONNTAG. Wir liefern sie Ihnen gerne regelmäßig nach Hause.

WamS Packshot Quelle: WamS
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